Von der Herausforderung, von Glückshormonen und vom gewissen Kick
Bisher kenne ich niemanden, der als Teilnehmer der Tour „Rhine-on-Skates“ darüber nicht ins Schwärmen geraten ist. Zum viertel Mal in Folge fand diese Tour am 26.08.2006 statt. Und daher besitzt sie auch schon einen gewissen Kultstatus. Und wo es Kult gibt, da gibt es auch so eine Art „Stammbesetzung“: viele Skaterinnen und Skater planen diese Tour bereits frühzeitig fest ein. Und andere stoßen dazu, weil neugierig geworden aufgrund der schwärmerischen Berichte. Oder weil sie sich neuen sportlichen Höchstleistungen stellen wollen. „Halt, stopp!“, könnte nun jemand einwenden, „eine Tour, also kein Rennen, und gleichzeitig sportliche Höchstleistung?"
In der Tat. Vom One-Eleven (111 km) in der Schweiz ist bekannt, dass es ein Rennen ist. Dass es rauf und runter geht und die Abfahrten Übung verlangen, wollen sie durchgestanden werden... dass es die letzten 15 km den Berg hinauf geht und das Ziel so in schier unerreichbare Ferne rückt.. Aber der 1-11 ist, wie gesagt, ein Rennen. Auf den ersten Blick ist Rhine-on-Skates demgegenüber eine einfache Tour. Sie führte in diesem Jahr, nicht anders als die Jahre zuvor, das Jahr 2003 mal ausgenommen, von Bingen nach Koblenz und zurück über Rüdesheim nach Geisenheim. Durch den neuen Endpunkt Geisenheim war die Strecke um 4 km gewachsen, sie betrug jetzt 137 km. „137 km? An einem Tag? Hör mal, das hört sich nicht mehr nach „einfacher Tour“ an!“. Na ja, kommt darauf an.

Eine solch lange Tour muss ordentlich geplant werden. Schließlich waren die Skater auf Bundesstraßen unterwegs. Bis auf den entgegenkommenden Verkehr, der aber durch die Tour stark eingeschränkt ist, rollt kein Verkehr mehr. Da muss bekannt sein, welche Abschnitte der Straßen zu wann dicht gemacht werden müssen, welche Nebenstraßen wann abgesperrt werden. Mittags gibt es traditionell Nudeln. Bekanntlich ist es nicht egal, wie lange Nudeln garen müssen. „Al dente“ heißt das Zauberwort und wenn es viel länger dauert, wird es eher eine Nudelpampe... Die Köche müssen also auch wissen, wann die Nudeln „auf dem Tisch stehen“ müssen, oder? Die sind nur 2 Beispiele aber viele andere sind ebenso von einer genauen Planung abhängig und darauf angewiesen.

So ist es auch logisch, dass bei „Rhine-on-Skates“ eine Durchschnittsgeschwindigkeit vorgegeben wird. Die liegt so um die 20 km/h. Eher etwas mehr als etwas weniger. „Eine einfache Tour?“
Die Strecke verläuft im Grunde genommen flach. Immer am Rhein entlang. Unzählige Burgen säumen diese einmalig wunderbare Strecke. Klar, die gegenüberliegende Seite kann jeweils viel besser wahrgenommen werden als die Burgen, die teilweise so steil über dem eigenen Kopf hängen, dass der Hals schon kräftig gereckt und gedreht werden muss. Natürlich bei Tempo 25 km/h. Na gut, es stimmt schon, manchmal geht es auch mit 30 Sachen dahin. Die schnellste Geschwindigkeit bei mir in diesem Jahr waren 41 km/h. Die erreichst du natürlich nur dann, wenn du es einigermaßen rollen lässt und nicht abbremst. Ich hatte dabei auch etwas gebremst. Es geht also auch noch schneller...

„Rollen? Nicht abbremsen? Geht das etwa den Berg hinunter?“ Nun eine alte Weisheit besagt, dass du erst einen Berg hinauf fahren musst, wenn du von dort hinunter willst. So ist es auch hier. „Einfache Tour? Berg hinauf? Mit 41 Sachen den Berg hinunter?“ Na gut, das ist ja irgendwie alles machbar. Es gibt keine langen Anstiege und auch keine langen Abfahrten. Jeder, der den Berg hinunter unsicher ist, kann bremsen, wenn er im schnellen Bergabfahren keine Übung hat. Bremsen ist drinn.
Um es auf den Punkt zu bringen: das Schwierigste an „Rhine-on-Skates“ sind nicht die oben erwähnten „Kleinigkeiten“. Vielmehr ist bei dieser Tour der gesamte Mensch auf dem Prüfstand. Kraft, Geschicklichkeit, Ausdauer, Kondition sind bestimmt unerlässlich dafür.

Ein wahres Pracht-Exemplar von Mensch! ;)
Ebenso benötigst du aber auch ein waches Gehirn, ein verlässliches Gefühl für deinen Körper, ein gesundes Urteilsvermögen über die von dir noch abrufbare Leistung. Willst du nach 137 km mit einem Lächeln ankommen? Nun, das dürfte den meisten gelingen. Denn bist du am Endpunkt angekommen und rollst über die gedachte Ziellinie, dann lächelst du unwillkürlich. Richtige Glücksgefühle kommen auf.
Aber nicht nur ankommen sondern 137 km mit einem Lächeln skaten, das ist die Kunst. Und das kannst du nirgends üben als dort. Hunger, Durst, Mattigkeit, am Ende sein mit der Kraft, ausgelaugt und kaputt, das sind die Dinge, deren es sich zu erwehren gilt. Konzentriert sein und die Muskeln geschmeidig halten, das sind sehr positive Tugenden, die für eine solche Tour unerlässlich sind. Und langsam wird dem letzten klar, dass diese Tour, obwohl kein Rennen, jedem Teilnehmer eine sportliche Höchstleistung abverlangt.

"... dann lächelst du unwirkürlich. Richtige Glücksgefühle kommen auf."
Auch deine Skates sollten einer solchen Belastung gewachsen sein. Nicht dass dir nach 30 km bereits die Füße brennen oder nach 50 km die Fesseln wund gescheuert sind. Belastung ist auch, wenn du mit 40 Sachen den Berg hinunter rast – da sollten die Skates schön still halten und geradeaus laufen. Ins Schlingern kommt die Billigware!

Supermann hat eine Schraube locker...
In Bingen fällt der Startschuss um Viertel vor Zehn und gleich geht es 500 m weiter in Bingerbrück der Berg hinauf. Den schafft jeder der über 1000 Skater/Skaterinnen. Keine Frage. Aber so manche und mancher flucht bereits bei diesem ersten Berg. Danach geht es auch wieder hinunter. Nicht ganz so steil wie beim Anstieg, aber du nimmst genügend Fahrt auf. Lass es einfach rollen. Und diese leichten Wellenlinien, mal Steigung, mal Gefälle, ziehen sich auf der linken Rheinseite bis Koblenz dahin. In Rhens geht es erst einmal tüchtig bergauf. Wenn dieser Anstieg etwas länger wäre, könnte er zur „Bergetappe“ ausgebaut werden. Danach geht es wieder abwärts. Zunächst ist es gar nicht steil, dafür zieht sich die etwas abschüssige Straße relativ lange dahin. Wenn du nicht bremst bist du schnell bei 30 km/h und darüber. Am Ende geht es dann doch noch etwas steiler und völlig ungebremst kommst du rasch auf über 40 km/h, ja sogar auf 50 km/h. Und wenn du nach 50 zurückgelegten Kilometern so schnell den Berg hinunter gleitest, dann brauchst du unverkrampfte Muskeln, ein gutes Standvermögen und eine noch bessere Übersicht. Denn mit dir fahren alle anderen auch diesen Berg hinunter. Also aufgepasst und notfalls reagiert!

Die am schwierigsten zu nehmende Steigung ist der Anstieg zur B42 nach Überquerung des Rheins in Koblenz. Mental bist du noch in der Mittagspause, die „al dente“-Nudeln waren zwar sehr lecker, sind aber noch nicht verdaut, da macht die Straße einen Schwenk nach rechts und hinauf geht’s! Jetzt hilft keine Ausrede mehr. Und jeder Kilometer von den 65 bis hierher zurückgelegten ist spürbar, besonders dann, wenn du schlecht disponiert bist. Es sind nur ca. 1000 m, bis die Straße ein Einsehen hat und sich wieder talwärts wendet. Aber sei erst einmal da oben! Mancher Fluch, manch Stöhnen und Aächzen quält sich hier über die Lippen. Und vergiss nicht, es liegen noch über 70 km vor dir! Gleich geht es wieder bergab. Nicht steil aber stetig. Lahnstein liegt unten am Rhein, du bist hoch oben am Hang und rollst mit zunehmender Fahrt durch die Straßentunnel. Die Straße ist hier breit. Und das Gefälle zieht sich lange dahin. Einfach schön! Und manch einer nutzt die Gunst der Talfahrt und macht richtig Speed. Noch schöner!

Weit auseinander gezogen ist die Tour. Während es vorn immer hektisch zugeht, fährt es sich weiter hinten viel angenehmer, weil gleichmäßiger. Vorne tritt dieser Ziehharmonika-Effekt besonders stark auf, wohl weil jeder nach vorne will, so scheint es. Und so wird ständig versucht, einen dritten Skaterzug auf der linken Straßenseite aufzubauen, der schneller ist als die anderen beiden. Wird die Straße aber enger oder kommt Gegenverkehr, dann drängt der dritte Zug nach rechts, wodurch die rechten beiden Züge anfangen zu bremsen, um den Skatern von links Platz zu machen. Und so entsteht „Gas geben – bremsen“. Ein Kraft raubendes Spielchen, das sich ständig wiederholt. Da bist du plötzlich im Training. Und die Knochen tun weh! Und die Muskeln melden sich!

In der Mitte des weit auseinander gezogenen Feldes ist es ruhiger. Gleichmäßiger skatest du dort, verbrauchst deshalb weniger Kraft und den Füßen bekommt das auch besser. Der T-Break in den harten Carbon-Schalen tut das seine dazu, dass die Knöchel überempfindlich werden, der Spann bei der kleinsten Bewegung sich deutlich meldet, kurz, dass die Füße anfangen zu schmerzen, sofern sie es nach 70km noch nicht tun. Und wer mit Stopper bremst, der weiß, dass die Muskeln im Oberschenkel darauf manchmal ganz sauer reagieren. Es ist aber gerade erst „Bergfest“, die gleiche Entfernung muss nocheinmal zurückgelegt werden!

Wer nun denkt, dass es am ganz hinteren Ende der Tour total entspannt ist, der liegt falsch. Wenn auch das Tempo dort sehr gleichmäßig ist, es baut sich ein gewaltiger psychologischer Druck auf, der schwer auf dem Einzelnen lasten kann: „Wie lange halte ich noch durch?“, „Wann sind wir endlich da?“, „Wie lange bin ich noch schneller als die Ordner hinter mir?“, „Ich schaffe es nicht mehr“... So und ähnlich mögen die Gedanken durch die Köpfe derer ziehen, die unfreiwilliger Weise hinten gelandet sind.

Herbie in Mission:
Er rekrutiert Ordner für die in Kürze folgende WIT 2006
Die letzte Reihe der Tour, das sind die Ordner. Breit, über die ganze Straße verteilt, markieren sie das Ende. Haben sie dich eingeholt, dann kommt unweigerlich die Frage: „Kannst du noch oder willst du in den Bus einsteigen?“. Die menschliche Natur hat Stress mit einem erzwungenen Ende der Tour im Bus. Dabei sind die Besenbusse gerade für die intelligenten unter den Skatern da. „Schätze deine Kräfte richtig ein, mach eine Pause, wenn es nicht mehr geht, höre auf, wenn es dir schlecht geht.“ Die Überwindung in einen der Busse zu steigen mag zunächst groß sein. Aber wenn du nicht mehr kannst, fragst du danach nicht mehr. Dann bist du plötzlich dankbar dafür, dass es einen Besenwagen gibt. Und wenn du nicht mehr kannst und trotzdem weiterskatest, dann mag bereits eine klitzekleine Bodenwelle dich aus den Angeln heben, oder du verkrampfst einfach so, du versuchst das Gleichgewicht wieder herzustellen, du musst trippeln, aber deine Muskeln versagen diese plötzliche Anstrengung und platsch! liegst du mit dem Gesicht voran auf dem Asphalt. So ist es einem Teilnehmer geschehen bei km 85. Und meist fällst du nicht allein, wenn drei Züge um dich herum sind, da werden auch andere rein gezogen...

Nach km 30, als in St. Goar die erste Rast gemacht wurde, saß kein Mensch in den beiden Bussen. Nach der Mittagspause, als wir Koblenz verlassen hatten, sah man immer noch nur einige wenige darin sitzen. Nach km 90 in St. Goarshausen sah das schon ganz anders aus. Viele wurden vernünftig und genossen die Weiterfahrt vom Bus aus. Und nach km 110 musste man sich schon fragen, ob da noch ein Platz frei war.
Wir selbst waren eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe. Wir waren zu sechst und waren mit 2 Autos nach Bingen angereist. Karin, Uwe und ich kannten uns von Aller-Weser-Skating und der Skate-Connection Bremen. Sabine, Mischel und Herbie kannten sich wiederum vom gemeinsamen Skaten, z.T. auch über die Skate-Connection. Während Herbie die Tour zum Anlass nahm, die Ordner für die Weser-Inline-Tour zusammen zu bekommen, er hatte die Ordner für die Tour zu planen und einzusetzen, blieben wir anderen 5 meist beieinander und rollten zusammen durch das Rheintal.

Für Sabine war die erste Steigung in Bingerbrück auch ein Signal gewesen, denn sie fragte sich, ob sie die Tour wohl schaffen würde, wenn das so weiterginge. Das Resultat: sie schaffte die Tour mit Bravour! Nicht einmal Muskelkater wollte sich in den darauf folgenden Tagen bei ihr einstellen.

Und Karin war immer ganz vorsichtig, wenn es bergab ging. Das war ihr nicht geheuer. Aber auch sie meisterte diese Schwierigkeiten mit Bravour. Der Rest war für sie keine übermäßig harte Prüfung. Auch nicht der ab km 100 einsetzende Nieselregen, der uns mal nasse Straßen bescherte, mal nicht, und der erst richtig loslegte, als wir alle am Ziel waren. Ganz unter uns, es stört dich nicht mehr groß, wenn es auf den letzten 30 km anfängt zu regnen. Natürlich wäre es ohne Regen schöner. Aber du bist bald am Ende der Tour, dann hast du die ganze Strecke geschafft! Da lenkt ein bisschen Regen höchstens mal ab, aber es ist dir eigentlich egal.

Und Herbie, der auch zum ersten Mal diese Tour mitfuhr, war begeistert. Ordentliche Tour, ordentliches Tempo, viele bekannte Leute und für ihn völlig ohne Stress, da er als „einfacher Teilnehmer“ mit dabei war und mal keine weitere offizielle Funktion hatte.
Mischel, der in diesem Jahr schon bei unserer Tour im Fläming (Tour der Connecties) mit dabei war, war auch ganz happy. Er wäre am liebsten weiter gefahren. Die Glückshormone hatten also auch ihn ergriffen.
Diesem tollen Gefühl kann sich am Ziel eh keiner entziehen. Das ist auch mit ein Grund, weshalb so viele Menschen von dieser Tour schwärmen. Es ist die Herausforderung vorher und der Kick im Ziel! Und deshalb sagen auch Uwe und ich nach unserer dritten Rhine-on-Skates-Tour, dass wir im nächsten Jahr unbedingt wiederkommen. Das sagen wir alle sechs mit gleicher Begeisterung für Glückshormone. Die Übernachtung haben wir bereits gebucht!

Glückshormorne!
Ach ja, wann das sein wird? Immer am letzten August-Wochenende, also am Sonnabend, 25. August 2007!
Bis dann!
Rüdiger Ohmenhäuser







